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Emotionsfokussierte Ansätze in der Therapie

Emotion

Emotion bezeichnet eine Gemütsbewegung im Sinne eines Affektes.[1] Sie ist ein psychophysiologisches, auch psychisches Phänomen, das durch die bewusste oder unbewusste Wahrnehmung eines Ereignisses oder einer Situation ausgelöst wird. Die psychophysiologische Reaktion besteht in physiologischen Veränderungen, spezifischen Kognitionen, subjektivem Gefühlserleben und einer Verhaltenstendenz des Menschen.[2]

Die Emotion oder der Affekt ist vom Fühlen oder dem Gefühl zu unterscheiden. Der Begriff des Gefühls ist der allgemeinere Begriff, der die unterschiedlichsten psychischen Erfahrungen mit einbezieht, wie z. B. Eifersucht, Stolz, Unsicherheit, Begeisterung und Melancholie. Im Unterschied dazu hat sich im Sprachgebrauch die Bezeichnung eines "großen Gefühls" als Emotion durchgesetzt und benennt damit eine deutlich wahrnehmbare physiologische Veränderung von Muskulatur, Herzschlag, Atmung usw., die mit Messungen neurophysiologischer Parameter nachweisbar sind.

Unter Wissenschaftlern ist noch strittig, ob es Muster physiologischer Veränderungen gibt, die eine eindeutige Diagnose einer Emotion ermöglichen. Mittlerweile wird von mehreren Forschern von "Basisemotionen" gesprochen, um zu bezeichnen, dass es sehr wohl grundlegende ganzkörperliche Programme[3][4][5] (hirnphysiologisch, hormonell, muskulär) gibt.

Eine Emotion

ist verhaltenssteuernd,
variiert in der Ausprägung mit der Bedeutsamkeit der Situation,
besteht in einer spezifischen körperlichen Aktivierung, die der Situationsanpassung dient,
ist verortbar vor allem im limbischen System,
wird spürbar vor allem als Muskelaktivität,
ist messbar in der Ausschüttung unterschiedlicher Neurotransmitter (Serotonin, Adrenalin, Oxytocin usw.),
kann bewusst wahrgenommen werden und, im Unterschied zum Affekt, beeinflusst werden.

Emotionalität und das Adjektiv emotional[6] sind Sammelbegriffe für individuelle Eigenarten des Gefühlslebens, der Affektsteuerung und des Umgangs mit einer Gemütsbewegung.

Etymologie

Das Fremdwort Emotion benennt ein Gefühl, eine Gemütsbewegung und seelische Erregung. Das deutsche Wort ist dem gleichbedeutenden französischen émotion entlehnt, das zu émouvoir (dt. bewegen, erregen) gehört. Dieses Wort entstammt dem lateinischen emovere (dt. herausbewegen, emporwühlen), das auch im Wort Lokomotive enthalten ist.[7] Für den sprachlichen Ausdruck von Emotionen prägte der Schweizer Philosoph Anton Marty den Begriff Emotive (lat. e-motus für dt. herausbewegt, erschüttert). Hierzu zählen beispielsweise ein Ausruf, ein Wunsch oder ein Befehlssatz.[8]

Geschichte des Gefühlsbegriffs

Bereits im Altertum bezeichneten die Philosophen Aristippos von Kyrene (435–366 v. Chr.) und Epikur (341–270 v. Chr.) „Lust“ oder (je nach Übersetzung Epikurs) auch „Freude“, „Vergnügen“ (hêdonê) als wesentliches Charakteristikum des Fühlens. Als „unklare Erkenntnisse“ und vernunftlose und naturwidrige Gemütsbewegungen wurden die Gefühle von den Stoikern (etwa 350–258) bestimmt; das Lustprinzip der Epikureer wird in Frage gestellt. Die ältere Philosophie und Psychologie behandelte das Thema Emotionen und Gefühle vorzugsweise unter dem Begriff der „Affekte“ (lat. affectus: Zustand des Gemüts, griech.: pathos; vgl. Affekt) bzw. auch der „Leidenschaften“ und hier vor allem unter dem Gesichtspunkt der Ethik und Lebensbewältigung. „Die Bestimmung des Begriffs der Affekte hat vielfach geschwankt. Bald sind die Affekte enger nur als Gemütsbewegungen gefasst worden, bald sind sie weiter auch als Willensvorgänge gedacht, bald sind sie als vorübergehende Zustände, bald auch als dauernde Zustände definiert und dann mit den Leidenschaften vermischt worden.“ (Friedrich Kirchner, 1848–1900). Für die Kyrenaiker (4. Jahrhundert v. Chr.) waren zwei Affekte wesentlich: Unlust und Lust (ponos und hêdonê). Auch Aristoteles (384–322) verstand unter Affekten seelisches Erleben, dessen wesentliche Kennzeichen Lust und Unlust sind.

Descartes (1596–1650) unterschied sechs Grundaffekte: Liebe, Hass, Verlangen, Freude, Traurigkeit, Bewunderung. Für Spinoza (1632–1677) waren es dagegen drei Grundaffekte: Freude, Traurigkeit und Verlangen. Auch Immanuel Kant (1724–1804) sah das Fühlen als seelisches Grundvermögen der Lust und Unlust: „Denn alle Seelenvermögen oder Fähigkeiten können auf die drei zurückgeführt werden, welche sich nicht ferner aus einem gemeinschaftlichen Grunde ableiten lassen: das Erkenntnisvermögen, das Gefühl der Lust und Unlust und das Begehrungsvermögen“.

Friedrich Nietzsche (1844–1900) trennte nicht zwischen emotionalem und kognitivem Aspekt: „Hinter den Gefühlen stehen Urteile und Wertschätzungen, welche in der Form von Gefühlen (Neigungen, Abneigungen) uns vererbt sind.“

Ein viel beachteter Versuch der Gegenwart war die mehrgliedrige Begründung der wesentlichen Faktoren des Gefühls von Wilhelm Wundt (1832–1920) durch sein System zur Beschreibung der Emotionen in drei Dimensionen Lust / Unlust, Erregung / Beruhigung, Spannung / Lösung.[9] Ein anderer, einflussreicher Erklärungsversuch stammt von dem amerikanischen Psychologen und Philosophen William James (1842–1910). James glaubte, ohne körperliche Reaktionen entstünden Gefühle bzw. Emotionen gar nicht erst (ideomotorische Hypothese). Emotionen sind für ihn nichts anderes als das Empfinden körperlicher Veränderungen. Nach James weinen wir nicht, weil wir traurig sind, sondern wir sind traurig, weil wir weinen; wir laufen nicht vor dem Bären weg, weil wir uns fürchten, sondern wir fürchten uns, weil wir weglaufen.

Psychologen wie Hermann Ebbinghaus (1850–1909) und Oswald Külpe (1862–1915) vertraten das eindimensionale Modell aus Lust und Unlust. Der Psychologe Philipp Lersch (1898–1972) argumentierte dagegen: „Dass dieser Gesichtspunkt zur Banalität wird, wenn wir ihn etwa auf das Phänomen der künstlerischen Ergriffenheit anwenden, liegt auf der Hand. Die künstlerische Ergriffenheit wäre dann ebenso ein Gefühl der Lust wie das Vergnügen am Kartenspiel oder der Genuss eines guten Glases Wein. Andererseits würden Regungen wie Ärger und Reue in den einen Topf der Unlustgefühle geworfen. Beim religiösen Gefühl aber – ebenso bei Gefühlen wie Achtung und Verehrung – wird die Bestimmung nach Lust und Unlust überhaupt unmöglich.“

Franz Brentano (1838–1917) nahm an, die Zuordnung von Gefühl und Objekt sei nicht kontingent, sondern könne richtig sein („als richtig erkannte Liebe“). Ähnlich sahen Max Scheler (1874–1928) und Nicolai Hartmann (1852–1950) Gefühle im sogenannten „Wertfühlen“ als zutreffende Charakterisierungen von Werterfahrungen an (vgl. „Materiale Wertethik“, „Werte als ideales Ansichsein“).

Auch für Sigmund Freud (1856–1939) sind Gefühle im Wesentlichen gleichzusetzen mit Lust und Unlust („Lust-Unlust-Prinzip“), mit der Variante, dass jede Lustempfindung im Kern sexuell ist. Freud war der Meinung: „Es ist einfach das Programm des Lustprinzips, das den Lebenszweck setzt – an seiner Zweckdienlichkeit kann kein Zweifel sein, und doch ist sein Programm im Hader mit der ganzen Welt.“

Carl Gustav Jung (1875–1961) betonte ebenfalls die Rolle von Lust und Unlust, bezweifelte jedoch, dass jemals eine Definition „in der Lage sein wird, das Spezifische des Gefühls in einer nur einigermaßen genügenden Weise wiederzugeben“. Der amerikanische Hirnforscher António Damásio (geb. 1944) definiert Gefühle und Emotionen vorwiegend kognitiv und als Körperzustände: „Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass das Gefühl sich zusammensetzt aus einem geistigen Bewertungsprozess, der einfach oder komplex sein kann, und dispositionellen Reaktionen auf diesen Prozess“ (…). – „Nach meiner Ansicht liegt das Wesen des Gefühls in zahlreichen Veränderungen von Körperzuständen, die in unzähligen Organen durch Nervenendigungen hervorgerufen werden.“

In der Gegenwart ist die Situation hinsichtlich des Gefühls- und Emotionsbegriffs eher unübersichtlich: Zahlreiche Ansätze versuchen, Charakter und Gesetzmäßigkeiten des Fühlens zu bestimmen, allerdings ohne eine Übereinkunft zu erzielen: z. B. Marañón (1924), Walter Cannon (1927), Woodworth (1938), Schlosberg (1954), Schachter und Singer (1962), Valins (1966), Burns und Beier (1973), Graham (1975), Marshall u. Philip Zimbardo (1979), Rosenthal (1979), Schmidt-Atzert (1981), Lange (1998). Der amerikanische Philosoph Robert C. Solomon stellte angesichts der Verschiedenartigkeit der Deutungen fest: „Was ist ein Gefühl? Man sollte vermuten, dass die Wissenschaft darauf längst eine Antwort gefunden hat, aber dem ist nicht so, wie die umfangreiche psychologische Fachliteratur zum Thema zeigt.“[10]

Antonio Damasio unterscheidet deutlich zwischen „Emotion“ und „Gefühl“. Er hat die beiden Schlüsselbegriffe vor dem Hintergrund der modernen Neurobiologie wie folgt definiert: "Emotionen sind komplexe, größtenteils automatisch ablaufende, von der Evolution gestaltete Programme für Handlungen. Ergänzt werden diese Handlungen durch ein kognitives Programm, zu dem bestimmte Gedanken und Kognitionsformen gehören; die Welt der Emotionen besteht aber vorwiegend aus Vorgängen, die in unserem Körper ablaufen, von Gesichtsausdruck und Körperhaltung bis zu Veränderungen in inneren Organen und innerem Milieu. Gefühle von Emotionen dagegen sind zusammengesetzte Wahrnehmung dessen, was in unserem Körper und unserem Geist abläuft, wenn wir Emotionen haben. Was den Körper betrifft, so sind Gefühle nicht die Abläufe selbst, sondern Bilder von Abläufen; die Welt der Gefühle ist eine Welt der Wahrnehmungen, die in den Gehirnkarten ausgedrückt werden."[11]

Neue Ansätze, die Forschungsergebnisse aus den Neurowissenschaften wie auch der künstlichen Intelligenz berücksichtigen, sehen Emotionen als „Modulatoren“ und versuchen diese genauer zu beschreiben.

Der Psychologe Bas Kast vergleicht in diesem Zusammenhang Emotionen mit einem Equalizer mit verschiedenen „Klangprogrammen“ (wie „Rock“, „Klassik“ usw.). Jede Emotion sei demnach eine Art Klangkonfiguration von Kopf und Körper. Als Beispiel nennt Kast die Emotionen Angst, Liebe und Ekel. Bei Angst ist unter anderem die Hirnstruktur Amygdala aktiviert, bei Liebe ist gerade diese Struktur deaktiviert. Die Amygdala wiederum modifiziert den Erregungszustand anderer Hirnregionen und versetzt den Körper in Alarmbereitschaft, in eine spezifische physiologische Konfiguration. Der Aktivitätszustand soll dabei helfen, mit der bedrohlichen Situation fertigzuwerden. In anderen Situationen benötigt man andere Hirnregionen und andere Körperzustände. Wie bei einem digitalen Equalizer muss beim Wechsel der Situation/Emotion nicht immer jede Frequenz (jeder hirnphysiologische und körperliche Parameter) einzeln von Hand eingestellt werden, sondern dies geschieht praktischerweise als Konfiguration, die wir als „Angst“, „Ekel“, generell als Emotionen, beschreiben.[12]

Der Psychologe Burkhard Flügel erkennt genau vier grundlegende Konfigurationen des Körpers, die das Verhalten aber auch das Denken und die Wahrnehmung sinnvoll vorstrukturieren. Als entscheidend für die den gesamten Körper differenzierbar aktivierenden Programme sieht er vier unterscheidbare Muskelzustände: angespannt aufrichtend (Wut), angespannt verengend (Angst), entspannt mobilisierend (Freude), entspannt erschlaffend (Traurigkeit), die Körper und Organe (Skelett-, Herz-, Atem-, Verdauungs-, Gesichtsmuskulatur usw.) spezifisch auf Situationen anpassen. Zwei Konfigurationen seien unmittelbar überlebensrelevant (Wut und Angst). Die anderen beiden (Freude und Traurigkeit) wirkten bei höheren Säugetieren aggressionshemmend und bindungsstiftend und seien damit mittelbar überlebenswichtig. Nur diese vier entsprächen dem Kriterium eines Programmes mit einem spezifischen Profil (Gehirnaktivität, Botenstoffe und Muskelzustandsveränderungen). Flügel meint: während die Grundkonfigurationen des Körpers überschaubar wenige sind, entsteht durch die Fähigkeit des Menschen zu komplexer Informationsverarbeitung/Kognition (Denken, Bewusstsein, vielschichtige Wahrnehmung) eine Vielfalt des Fühlens.[5]

Abgrenzungen

Eine präzise wissenschaftliche Definition für den Begriff „Emotion“ gibt es nicht. Zum einen bemühen sich Philosophie und Psychologie um den Begriff, zum anderen auch die Neurowissenschaften. Die Neurowissenschaften befassen sich mit den efferenten somatischen und vegetativen Reaktionen eines Organismus auf Emotionen, während sonst die affektiven Aspekte im Vordergrund stehen, negative oder positive Zustände von Angst und Furcht bis zu Liebe und Glück.

Im Gegensatz zum Gefühl sind Emotionen als ein Affekt – vom agierenden Individuum aus gesehen – meist nach außen gerichtet. Der Begriff Affekt betrifft im deutschen Sprachgebiet eine oftmals mit einem Verlust der Handlungskontrolle einhergehende kurzfristige emotionale Reaktion. Trotz der Erregung behält eine emotionale Reaktion die Substanz einer Handlungsweise.

Im Vergleich zu Stimmungen sind Emotionen zeitlich relativ kurz und intensiv. Während Stimmungen vielfach unbemerkt auf Bedürfnissen beruhen, kommen bei Emotionen die jeweiligen Auslöser stärker zum Zuge. Während Emotionen sich auf Personen beziehen können, zum Beispiel Wut oder Trauer, kann einer Stimmung der Bezug auf Personen vollkommen fehlen, so im Falle einer Melancholie.

Gleichermaßen sind Gefühle, Emotionen, Stimmungen ein Teil zwischenmenschlicher Kommunikation, aber auch nonverbaler Kommunikation. Sie begleiten im Wahrnehmen das Erkennen, z. B. im Fühlen einer Evidenz. Auch die Intuition, der zunächst noch Erkenntnisschritte fehlen, beruht im Wesentlichen auf einem gefühlsmäßigen oder emotionalen Erfassen.


Formen

Mit dem Katalog von Formen befasst sich die Emotionstheorie. Generell beziehen sich Emotionen auf das Grundgefühl, das das Wesen jeder menschlichen Existenz ausmacht. Paul Ekman, der ein Facial Action Coding System zur Emotionserkennung anhand von Gesichtsausdrücken entwickelte, hat sieben Basisemotionen empirisch nachgewiesen:[13] Freude, Wut, Ekel, Furcht, Verachtung, Traurigkeit und Überraschung. Zum Grundgefühl zählen weiterhin Liebe, Hass und Vertrauen.[14]

Nach Carroll E. Izard existieren zehn Formen von Emotionen, die in jeder Kultur vorkommen: Interesse, Leid, Widerwillen (Aversion), Freude, Zorn, Überraschung, Schamgefühl, Furcht, Verachtung und Schuldgefühl.[15]

Ältere Theorien teilen Emotionen in vier Hauptgruppen ein: Angst und Verzweiflung, Ärger und Wut, Freude, Trauer. Weitere Formen sind Enttäuschung, Mitleid, Sympathie, Neid, Stolz und Verliebtheit.

Entwicklung

Nach Hellgard Rauh[16] entwickeln sich Emotionen aus drei Verläufen, die bereits beim Säugling zu beobachten sind: Vergnügen und Freude, Ängstlichkeit und Furcht, Wut und Ärger.[17]

Die Differenzierungen, die sich im Verlauf der frühen Kindheit herausbilden, lassen sich in acht Stufen einordnen:

absolute Reizschranke (1. Monat),
Hinwendung zur Umwelt (2.–3. Monat),
Vergnügen an gelungener Assimilation (3.–5. Monat),
aktive Teilnahme am sozialen Geschehen (6.–9. Monat),
sozial emotionale Bindung (10.–12. Monat),
üben und forschen (13.–18. Monat),
Herausbildung des Selbst (19.–36. Monat),
Spiel und Fantasie (ab dem 36. Monat).

Entstehung

Es wird vermutet, dass sich die neuronalen Träger von Emotionen in phylogenetisch älteren Teilen des Gehirns befinden, insbesondere im Limbischen System. Sie besitzen mit ihren neuralen und neuroendokrinen Prozessen eine Schlüsselstellung für das artspezifische Verhalten: Empfindungen wie Hunger, Kälte, Sorgen, Abneigungen, Ängste, Geschlechtstrieb werden in der Theorie Richard Dawkins als genetisch bedingt verstanden. In behaviouristischen Theorien soll der Ausdruck von Emotionen auf ererbten angeborene Reaktionen beruhen, die biologisch vorteilhaft in der Evolution waren und Signalcharakter gegenüber Artgenossen und Mitgliedern anderer Spezies haben.

Aktuelle Emotionen entstehen bei einer Person einerseits aus der Einschätzung von Ereignissen (siehe Tabelle: Unterscheidung von 23 Emotionen nach dem Objekt der Bewertung).[18] Andererseits können Emotionen auch durch eine Wiederherstellung einer früheren emotionalen Bedeutung entstehen. Für die Aktivierung der früheren Emotionen genügt manches Mal ein ähnliches Ereignis oder eine fragmentarische Erinnerung:

Beim Entstehen von Emotionen durch Wiederherstellung ist nämlich zu unterscheiden, ob ein vergangenes Ereignis in einem bestimmten Zusammenhang erlebt wurde, es also im episodischen Gedächtnis gespeichert ist. Oder ob der Bezug zu einer Episode fehlen kann, und bereits Fragmente die Wiederherstellung von Emotionen auslösen können: Ein Kontext fehlt, und ein Wort mag ausreichen, um emotionale Erinnerungen hervorzurufen.[19]

gleich zu Stimmungen sind Emotionen zeitlich relativ kurz und intensiv. Während Stimmungen vielfach unbemerkt auf Bedürfnissen beruhen, kommen bei Emotionen die jeweiligen Auslöser stärker zum Zuge. Während Emotionen sich auf Personen beziehen können, zum Beispiel Wut oder Trauer, kann einer Stimmung der Bezug auf Personen vollkommen fehlen, so im Falle einer Melancholie.

Gleichermaßen sind Gefühle, Emotionen, Stimmungen ein Teil zwischenmenschlicher Kommunikation, aber auch nonverbaler Kommunikation. Sie begleiten im Wahrnehmen das Erkennen, z. B. im Fühlen einer Evidenz. Auch die Intuition, der zunächst noch Erkenntnisschritte fehlen, beruht im Wesentlichen auf einem gefühlsmäßigen oder emotionalen Erfassen.

Komponenten

Der Lebenszyklus einer Emotion unterteilt sich in sensorische, kognitive, physiologische, motivationale und expressive Komponenten.[19]

In diesem Zusammenhang spielt auch das Konzept der Emotionalen Intelligenz eine Rolle. Die Emotionale Intelligenz beschreibt die Fähigkeit, die eigenen Gefühle und die Gefühle anderer Personen sensorisch wahrzunehmen, kognitiv zu verstehen und expressiv zu beeinflussen. Das Konzept der Emotionalen Intelligenz beruht auf der Theorie der multiplen Intelligenzen von Howard Gardner.

Sensorische Komponente

Die sensorische Komponente steht am Beginn einer Emotionsentwicklung. Ein erkennendes Subjekt nimmt ein Ereignis (unvollständig) über die Sinne wahr.

Kognitive Komponente

Über die kognitive Komponente kann das erkennende Subjekt aufgrund seiner subjektiven Erfahrungen mögliche Beziehungen zwischen sich und dem Ereignis erkennen.

Das erkennende Subjekt nimmt anschließend eine subjektive Bewertung der Wahrnehmung des Ereignisses vor. Ein Subjekt kann dabei – je nach persönlichem Weltbild, Wertesystem und aktuellem physiologischem Zustand – auf dasselbe Ereignis mit einer unterschiedlichen Bewertung reagieren.

Die kognitive Komponente unterliegt hierbei kognitiven Verzerrungen wie etwa auch bei der Interpretation lückenhafter sensorischer Informationen, weshalb eine „falsche“ Bewertung durchaus üblich ist.

Physiologische Komponente

Abhängig vom Ergebnis der subjektiven Bewertung reagiert das Subjekt mit der Ausschüttung bestimmter Neurotransmitter und Hormone und verändert damit seinen physiologischen Zustand. Dieser veränderte Zustand entspricht dem Erleben einer Emotion.

Das Verhältnis von physiologischen und emotionalen Vorgängen wird durch die auf William James und Carl Lange zurückgehende James-Lange-Theorie sowie die auf Walter Cannon und Philip Bard zurückgehende Cannon-Bard-Theorie betrachtet. Nach der älteren Theorie von James und Lange gehen die physiologischen Veränderungen der eigentlichen Emotion voraus, nach Cannon und Bard verlaufen beide Reaktionen als Folge des Reizes gleichzeitig.

Ein Forscherteam um den Biomediziner Lauri Nummenmaa von der finnischen Aalto Universität belegt exemplarisch mit 14 Körperkarten die Intensität spezifischer Gefühle in bestimmten Körperregionen und darüber hinaus, dass diese Körperkarten in verschiedenen Kulturkreisen überraschend ähnlich sind.[20]

Die physiologische Reaktion ist allerdings nach der Zwei-Faktoren-Theorie von der jeweiligen Situation und deren kognitiver Bewertung abhängig. Eine bestimmte Reaktion lässt sich nicht in jedem Fall einer Emotion zuordnen. Beispielsweise ist schnelles Herzklopfen beim Jogging eine Folge der Anstrengung, während bei Emotionen wie Wut und Angst schnelles Herzklopfen aus der jeweiligen Bewertung der Wahrnehmung resultiert. Die Intensität der Emotion steht allerdings in einer Interdependenz zur Stärke des physiologischen Reizes (z. B. körperliche Anstrengung verstärkt Wut; umgekehrt bereitet Wut auf körperliche Anstrengung vor).

Nach der appraisal theory von Richard Lazarus entsteht eine Emotion erst dann, wenn ein Umweltstimulus zunächst als relevant (positiv oder gefährlich) oder irrelevant eingestuft wird und daraufhin in einem zweiten Schritt die persönlichen Bewältigungsmöglichkeiten (siehe Coping) eingeschätzt werden. Dazu gehört auch die Frage, wer oder was den Stimulus ausgelöst hat. Diesen beiden Modellen zufolge entsteht die Emotion also erst durch eine kognitive Bewertung. Strittig ist jedoch, ob – wie Lazarus annimmt – eine Emotion auch ohne physiologische Reizung ausgelöst werden kann. Eine ausführliche Beschreibung dieses Modells erfolgt in dem Kapitel "Stressmodelle".

Motivationale Komponente

Die motivationale Komponente folgt der Bewertung des Ereignisses und wird vom aktuellen physiologischen (bzw. emotionalen) Zustand moduliert. Die Motivation zu einer bestimmten Handlung einer Person orientiert sich an einem Ist-Soll-Vergleich, sowie der Vorhersage der Auswirkung denkbarer Handlungen. Beispielsweise kann die Emotion Wut sowohl in der Motivation zu einer Angriffshandlung (z. B. bei einem vermeintlich unterlegenen Gegner), als auch in der Motivation zu einer Fluchthandlung (z. B. bei einem vermeintlich überlegenen Gegner) resultieren.

Eine Handlung kann der Absicht entstammen, das Erleben einer positiven Emotion (z. B. Freude, Liebe) zu erhalten oder gar zu vergrößern oder das Erleben einer negativen Emotion (z. B. Wut, Ekel, Trauer, Angst) zu dämpfen. Ein Motiv zu einer Handlung besteht nur dann, wenn das Subjekt sich von der Handlung eine Verbesserung seines zukünftigen (emotionalen) Zustands erwartet.

Expressive Komponente

Die expressive Komponente bezieht sich auf die Ausdrucksweise einer Emotion. Dies betrifft vor allem das nonverbale Verhalten, wie beispielsweise Mimik und Gestik. Seit den Forschungen von Paul Ekman ist bekannt geworden, dass sich elementare Emotionen wie Angst, Freude oder Trauer unabhängig von der jeweiligen Kultur zeigen.[21] Diese Basisemotionen sind eng an gleichzeitig auftretende neuronale Prozesse gekoppelt. Fundamentale Emotionen weisen einen signifikanten Zusammenhang zum dazugehörigen Gesichtsausdruck auf. Zum Beispiel ist Wut stets mit einem Senken und Zusammenziehen der Augenbrauen, schlitzförmigen Augen und einem zusammengepressten Mund verbunden. Dieser mimische Ausdruck der Wut ist universal.

Zugleich kommt die Kulturvergleichende Sozialforschung zum Ergebnis einer fehlenden Deckung des Gefühls und der gezeigten Emotion. Die resultierende Unterscheidung betont die Innerlichkeit eines Gefühls gegenüber dem beobachtbaren Ausdruck von Emotionen, der von kulturellen Faktoren beeinflusst wird.

Einfluss von Emotionen

Aufmerksamkeit

Emotional relevante Inhalte lenken Aufmerksamkeit auf sich. Der Zusammenhang zwischen Aufmerksamkeit und Emotion wird in vielen Emotionstheorien genannt. So führte LeDoux auf, dass die Verarbeitung mancher Reize oft ohne bewusste Wahrnehmung abläuft.[22] Besonders angsteinflößende Reize stehen in einem starken Zusammenhang mit der Aufmerksamkeit. So zeigt ein Experiment, dass ein ärgerliches Gesicht in einer Menge neutraler Gesichter leichter erkannt wird als ein fröhliches (face in the crowd effect).[23]

Eine neuere Methode um den Zusammenhang zwischen Aufmerksamkeit und Emotionen zu ermitteln ist die Dotprobe-Aufgabe. Teilnehmern wird je ein neutrales Wort und ein emotional relevantes Wort auf einem Bildschirm gezeigt. Anschließend erscheint ein Punkt an einer der beiden Stellen, an denen zuvor ein Wort erschien, auf den sie reagieren sollen. Es stellte sich heraus, dass Teilnehmer schneller reagieren wenn der Punkt an der Stelle des emotional relevanten Wortes erscheint. Besonders ängstliche Personen lenken die Aufmerksamkeit verstärkt auf den emotional relevanten, oft negativ besetzten Reiz.[24]

Gedächtnis

Ereignisse, die emotional relevant sind, prägen sich besonders tief in unser Gedächtnis.[24] Erlebnisse aus der Kindheit, die mit starken Emotionen verbunden sind, bleiben also stärker im Gedächtnis als andere. Zwischen der Amygdala, die für emotionale Bewertung von Reizen verantwortlich ist und dem Hippocampus, der für unsre Erinnerungen verantwortlich ist, besteht enge Verbindung. Menschen mit Schädigungen an dem Hippocampus sind automatisch in ihrem Gefühls- und Sozialverhalten eingeschränkt (Urbach-Wiethe-Syndrom).[25] Es ist allerdings ungeklärt, ob man sich eher an positive oder negative Ereignisse erinnert.

Erregung ist ein wichtiges Element der Gedächtnisleistung. Erregung geht mit Emotionen einher. Starke Erregung führt kurzzeitig zu einer Verschlechterung der Gedächtnisleistung, auf lange Zeit allerdings zu einer Verbesserung. Bei Verarbeitungen von starker emotionaler Erregung sind Hormone und Neurotransmitter wie Adrenalin von Bedeutung, die die Signalübertragung zwischen Nervenzellen beeinflussen.[24]

Inhalte, die hinsichtlich ihrer Valenz mit der persönlichen, momentanen Emotion übereinstimmen bleiben eher im Gedächtnis als neutrale Inhalte, was man Stimmungskongruenz nennt. Ähnlich besagt das Konzept des zustandsabhängigen Lernens, dass man sich leichter an Inhalte erinnert, wenn sie in dem emotionalen Zustanden abgerufen werden, der auch herrschte, als sie gelernt wurden. Diese beiden Phänomene lassen sich mit der Netzwerktheorie des Gedächtnisses erklären: Emotionen sind mit Gedächtnis- und Wissensinhalten als Knoten in einem Netzwerk verbunden. Wird eine Emotion aktiviert, werden automatisch auch die anderen Knoten aktiviert und der Zugang zu diesen Inhalten ist somit leichter.[24]

Urteile und Entscheidungen

Emotionen beeinflussen die Beurteilung ob etwas positiv oder negativ, nützlich oder bedrohlich ist. Beurteilungen fallen dabei positiver aus, wenn die Stimmung positiv ist. Befindet man sich in einer positiven Stimmung, werden positive Ereignisse für wahrscheinlicher gehalten. Aber nicht nur Beurteilungen über die Umwelt fallen positiver aus, sondern auch Beurteilungen, die die Person selbst betreffen. Gleichzeitig führt positive Stimmung oft zu risikoreichen Entscheidungen, da das Risiko eines negativen Ausgangs der Situation gerne unterschätzt wird.[24]

Emotionen werden zudem oft als Informationen verstanden, da Emotionen häufig durch Bewertungen entstehen und obendrein Informationen über das Ergebnis dieser Bewertung geben. Emotionen führen zu selektiven Zugriffen auf das Gedächtnis. Befindet man sich in einer negativen Stimmung, ist es auch sehr wahrscheinlich, dass negative Inhalte der eigenen Biographie präsenter sind als positive Inhalte. Urteile oder Bewertungen werden also dahingehend beeinflusst, dass Emotionen den bevorzugten Zugriff auf Informationen im Gedächtnis veranlassen. Solche Bewertungen können auf Fehlattribute basieren. Das heißt, Emotionen werden auf falsche Ursachen zurückgeführt bzw. auf Ursachen die nicht für die jeweilige Emotion maßgeblich sind. In Fällen, bei denen für Entscheidungen mehrere Informationen mit einbezogen sind, benötigen Versuchsteilnehmer, die positiv gestimmt sind, weniger Informationen um eine Entscheidung zu treffen. Außerdem fällt die Entscheidung schneller als bei neutral gestimmten Menschen.[24]

Problemlösen

Ähnlich wie im Fall des Entscheidens benötigen positiv gestimmte Menschen weniger Informationen für das Lösen von Problemen und schlagen direktere Problemlösewege ein. Sie haben einen erweiterten Blickwinkel als negativ gestimmte Menschen und verfügen über mehr Kreativität. Positiv gestimmte Menschen betrachten eher das Globale, während negativ gestimmte Menschen den Blick auf das Detail lenken. Aber auch andersherum hat der Aufmerksamkeitsfokus Einfluss auf die Identifikation von Emotionen. Menschen die auf das große Ganze achten, erkennen positive Gesichter in einer Menge von Gesichtern leichter, während Menschen mit dem Blick auf das Detail negative Gesichter leichter erkennen.[24]

Appraisal theory

Gesundheit

Der Einfluss von Emotionen auf das Gehirn bringt zudem Auswirkungen auf das Immunsystem hervor. Eine Disziplin, die diese Wechselwirkung zwischen Geist und Körper erforscht, ist die Psychoneuroimmunologie. Negativ gestimmte Menschen sind anfälliger für Erkältungen und zudem fand man heraus, dass Operationswunden bei negativ gestimmten Menschen langsamer heilen. Die Psychologische Erklärung für diese Wirkung von negativen Emotionen auf das Immunsystem lautet, dass viel Energie benötigt wird um Krankheiten abzuwehren und negative Emotionen zu Energiemangel und Erschöpfung führen. Somit sind negativ gestimmte Menschen anfälliger für Krankheiten. Studien belegen, dass negative Gefühle wie Wut oder Pessimismus auf Dauer das Risiko für Erkrankungen der Herzgefäße erhöhen. Diese Gefühle zu unterdrücken, steigert das Risiko allerdings noch mehr. Auch bei affektiven Störungen wie zum Beispiel Depressionen haben Emotionen einen großen Einfluss. Die Beeinträchtigung von Emotionen ist hier eine von vielen Ursachen der Störung. Zudem bestätigten Untersuchungen, dass die Gefahr an einem Herzinfarkt zu sterben, bei depressiven Menschen mehr als doppelt so groß ist als bei Menschen ohne Depressionen. Forscher vermuten, dass negative Gefühle zu einer anhaltenden Entzündung führen und daraus Krankheitsbilder wie Herzerkrankungen, sowie Depressionen resultieren.[22]

Anwendungen der Emotionsforschung

Emotion spielt in vielen angewandten Bereichen eine herausragende Rolle. Mit dem Begriff Emotionsregulation (oder Affektregulation) werden allgemein alle Prozesse bezeichnet, die der mentalen Verarbeitung emotionaler Zustände dienen (z. B. „Impulskontrolle“, „Desensibilisierung“). Bei psychischen Störungen sind emotionale oder affektive Symptome oft das zentrale Problem. In der Psychotherapie sind Emotionen wichtig für die längerfristige Veränderung von Erleben und Verhalten.

Die Werbepsychologie und Verkaufspsychologie versuchen, manipulativ vor allem positive Emotionen im Zusammenhang mit den angepriesenen Produkten zu erzeugen, um eine bessere Bewertung durch den Kunden zu erreichen. Allgemein ist das gezielte Hervorrufen von Emotionen ein Mittel, das Erleben und Verhalten von Menschen und Tieren zu verändern. Umgekehrt kann emotionale Manipulation durch intensives psychisches sowie physisches Training stark beeinflusst, ja sogar unterbunden werden.

Die „Rationalisierung“ der Emotionen

Seit der appraisal theory von Richard Lazarus befindet sich die Emotionsforschung auf dem Wege zu einer Rationalisierung der Emotionen. Während diese früher als gefährlich und irrational galten, werden sie heute als nützliche und verlässliche Wegweiser betrachtet, wie z. B. die verbreitete Verwendung des Terminus „Emotionale Intelligenz“ zeigt. Die Sozialhistorikerin Joanna Bourke[26] wie der Philosoph Martin Hartmann[27] warnen vor einer solchen „Überrationalisierung“ der Emotionen. Diese wurden durch den emotional turn, der gegen die Dominanz der Herrschaft der Rationalität angetreten war, rehabilitiert, jedoch durch eine paradoxe Wende, indem gerade die rationalen Elemente der Emotionen hervorgehoben wurden. Rüdiger Schnell argumentiert, dass die Tatsache, dass Emotionen von Kognitionen begleitet sind, mit der Annahme verwechselt wird, sie seien stets rational. „Rationale Emotionen“ seien aber die erwartbaren, verstehbaren Emotionen im Gegensatz zu irrationalen, nicht nachvollziehbaren Gefühlen.[28]

Emotionsbewirtschaftung durch Medien und Politik

In der Politik und in den Medien geht es eher darum, negative Emotionen und Ängste zu vermeiden bzw. aufzugreifen und umzulenken oder aber positive Emotionen zu verstärken („Emotionsbewirtschaftung“). Der Begriff der Emotionsbewirtschaftung ist nicht – wie oft vermutet – eine Neuprägung des Jahres 2018 von Eva Glawischnig,[29] sondern wurde bereits früher in bezug auf die Medienwirtschaft, vor allem für die Strategien der Boulevardzeitungen zur Auflagensteigerung,[30] sowie für emotionsbasierte Strategien einer populistischen Politik gebraucht.[31]

Eine noch gezieltere Emotionsbewirtschaftung wird im Zusammenhang mit dem Aufstieg der populistischen Parteien gefordert. So sieht der Schweizer Politik- und Medienwissenschaftler Lukas Goldner die Notwendigkeit einer stärkeren Emotionsbewirtschaftung der Diskussionen in den Social Media durch die etablierte Presse, was das Vertrauen in die Zuverlässigkeit ihrer Informationspolitik stärken könne. Emotionen hätten zwar einen schlechten Ruf, und Wut sei tatsächlich die in den sozialen Medien am häufigsten geäußerte Emotion. Zwar sei die Diskussion in der Schweiz „von den normativen Forderungen von Jürgen Habermas und seinen Ansprüchen an Argumente und den Austausch von Argumenten geprägt. Mit der Vorstellung eines herrschaftsfreien Diskurses sperrte Habermas mit der Herrschaft auch gleich Emotionen aus.“ Durch Emotionsbewirtschaftung in den sozialen Medien, die die Menschen direkter und emotionaler ansprechen als die klassischen Medien, könne nun jedoch angesichts eines zunehmend emotionalisierten Publikums die Aufmerksamkeit gelenkt und zielgerichtet mobilisiert werden, etwa in Richtung von mehr Partizipation. Eine solche Medienpädagogik fördere aufgeklärte Entscheidungen: Die Emotionsbewirtschaftung auf Social Media diene „als Katalysator und fördert den Konsum etablierter Medienmarken zur vertieften Informationsbeschaffung“.[32]

Seit etwa 2015 steht das Management von Ängsten im Mittelpunkt der Emotionsbewirtschaftung der Medien und der Politik. Das Schlagwort „Ängste der Menschen ernst nehmen“[33] ist mindestens seit der Nuklearkatastrophe von Fukushima und der Flüchtlingskrise in Europa ab 2015 in der politischen Semantik Deutschlands, aber auch in der Schweiz – dort etwa bezogen auf Ängste angesichts der Globalisierung oder den Bau von Minaretten –[34] und Österreich – so mit Blick auf die Entleerung des ländlichen Raums –[35] zum Standardtopos der Politik geworden.

Zwar wurden bereits früher politische Forderungen in Gefühlskategorien artikuliert wie in den Anti-Atom-, Nachrüstungs- und Ökologiedebatten der 1960er bis 1990er Jahre. Damals versuchte die Politik teils mit Erfolg, durch Strategien der „Normalisierung“ der Risiken (z. B. durch Vermeidung der Darstellung der Folgen radioaktiver Strahlung und Betonung der Zivilschutzanstrengungen) Ängste oder zumindest Panik zu vermeiden.[36] Niklas Luhmann wies darauf hin, dass die Kommunikation von Ängsten („Angstkommunikation“) ansteckend wirkt, insofern sie nicht nur (individuell) Angst auslöst, sondern auch im Kommunikationssystem zu einer Systembildung führen kann, die nicht mehr unterdrückt werden kann und sich ausbreitet.[37] Dementsprechend wurden die Risiken vieler Menschen von der Politik lange Zeit dethematisiert und ihre Ängste delegitimiert.

Während die Kritiker ihre Ängste als Realangst verteidigten, griff die Politik oft auf psychiatrische Kategorien zurück und sprach von der „Angstneurose“ der Kritiker, um die Kommunikation über die Risiken und Sachprobleme zu umgehen. Das machte z. B. Peter Hintze auf dem CDU-Parteitag 1993, während in der Rede von Dirk Fischer auf diesem Parteitag schon der Topos von den ernstzunehmenden Ängsten auftaucht – damals bezogen auf die steigende Angst der Rentner vor Wohnungseinbrüchen.[38]

Heute haben sich die Normalisierungsstrategien von Risiken und damit verbundene Delegitimierungsstrategien von Emotionen als weitgehend wirkungslos herausgestellt. Die Politik könne beispielsweise die „lästigen Fragen nach den Kosten der Atommüll-Endlagerung, nach der Pfuscherei der Betreiberfirmen, nach den unter den Teppich gekehrten Störfällen“ nicht wirklich beantworten; sie wolle „nicht darüber reden, wie die Risikokosten verstaatlicht und die Gewinne privatisiert werden. Angesichts der Ausmasse der japanischen Katastrophe von Fukushima sind auch «kalte» Fragen zur Verfilzung von Atomindustrie und Politik in Japan völlig geschmacklos“. Stattdessen rede die Politik über „Ängste, was einfühlsam klingt“, aber eine „paternalistische Emotionsbewirtschaftung“ darstelle. Damit die Strategie wirke, brauche es „Bürger, die sich daran gewöhnt haben, ihre politischen Forderungen in Gefühlskategorien zu artikulieren“ wie etwa die Schweizer „Minarettphobiker“. Gerade die Linke sei allerdings mit dem Schüren von Emotionen in eine Falle getappt, „an der sie selbst mitgebastelt hatte: die Verwandlung von Politik in Sozialarbeit und von Bürgern in Klienten, die man «dort abholen muss, wo sie stehen». Gefühlsmässig.“[39]

Die Formen der Emotionsbewirtschaftung durch Presse und Politik folgten selbst der Logik des Populismus, was die frühere Bundesobfrau der österreichischen Grünen Eva Glawischnig im Hinblick auf deren Politik selbstkritisch einräumt.[40]

Tom Strohschneider weist darauf hin, dass auch das frühzeitige Reden über eine kommende Krise (wie etwa seit Herbst 2018) eine Form der Emotionsbewirtschaftung darstellt, auf der „jeder seine Suppe darauf kochen“ kann: von Anlageberatern über die Forderung der Wirtschaft nach Steuersenkungen bis hin zu „Verteilungs-Bremsern“ und der Linken, die die Verelendung kommen sieht. Dier Überschuss an Vorwarnung „könnte einen Herdentrieb des Pessimismus in Gang setzen, der dann erst recht die Krise beschleunigt“, wobei die Linke davon in keiner Weise profitieren dürfte.[41]

Ein Beispiel für das Anknüpfen der Politik an diffus-positive Emotionen ist die Wiederentdeckung des Begriffs der „Heimat“, der in die Namen von deutschen Bundes- und Landesministerien und als politisches Schlagwort in die Diskussion Einzug gehalten hat. Hier werde der Romantik-Spezialistin Susanne Scharnowski zufolge ein eigentlich positiv besetzter Begriff „als neoidealistische Gefühlsblase bewirtschaftet“, wobei unklar bleibt, welche Probleme mit der Umbenennung des Ministeriums wirklich angepackt werden sollen.[42] Zu dieser Variante von Emotionsbewirtschaftung ist auch die zunehmend mit Wohlfühladjektiven gespickte politische Semantik zu rechnen, wie sie beim „Gute-KiTa-Gesetz“ (offiziell: „Gesetz zur Weiterentwicklung der Qualität und zur Teilhabe in der Kindertagesbetreuung“) oder „Starke-Familien-Gesetz“ (offiziell: „Gesetz zur zielgenauen Stärkung von Familien und ihren Kindern durch die Neugestaltung des Kinderzuschlags und die Verbesserung der Leistungen für Bildung und Teilhabe (Starke-Familien-Gesetz – StaFamG)“) zur Anwendung gelangt.

Literatur

Claudia Benthien, Anne Fleig, Ingrid Kasten (Hrsg.): Emotionalität. Zur Geschichte der Gefühle. Böhlau, Köln 2000, ISBN 3-412-08899-4.
Luc Ciompi: Die emotionalen Grundlagen des Denkens. Entwurf einer fraktalen Affektlogik. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1997.
Antonio R. Damasio: Descartes’ Irrtum. Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn. List, Berlin 2004.
Antonio Damasio: Selbst ist der Mensch: Körper, Geist und die Entstehung des menschlichen Bewusstseins. Pantheon Verlag 2013, ISBN 978-3-570-55179-0, Kap. 5, S. 121 ff.
Charles Darwin: Der Ausdruck der Gemütsbewegungen bei dem Menschen und den Tieren. (1872) Eichborn, Frankfurt am Main 2000, ISBN 3-8218-4188-5. (digitalisierte Fassung der ersten dt. Ausgabe von 1877)
Ulrich Dieter, Mayring Philipp: Psychologie der Emotionen. Kohlhammer, Stuttgart 2003, ISBN 3-17-018140-8.
Andreas Dutschmann: Aggressionen und Konflikte unter emotionaler Erregung. DGVT-Verlag, Tübingen 2000.
Helena Flam: Soziologie der Emotionen. Eine Einführung. UVK-Verlag, Konstanz 2002, ISBN 978-3-8252-2359-5.
Oliver Grau und Andreas Keil (Hrsg.): Mediale Emotionen. Zur Lenkung von Gefühlen durch Bild und Sound. Fischer, Frankfurt am Main 2005.
Carroll E. Izard: Die Emotionen des Menschen. Eine Einführung in die Grundlagen der Emotionspsychologie. Aus dem Englischen übersetzt von Barbara Murakami. Beltz, Weinheim/Basel 1981.
Rainer Maria Kiesow, Martin Korte (Hrsg.): EGB. Emotionales Gesetzbuch. Dekalog der Gefühle. Böhlau, Köln 2005.
Nastasja Klothmann: Gefühlswelten im Zoo. Eine Emotionsgeschichte 1900–1945. Diss. phil. Hamburg, Bielefeld 2015, ISBN 978-3-8376-3022-0.
Carl Lange: Über Gemütsbewegungen. Ihr Wesen und ihr Einfluß auf körperliche, besonders auf krankhafte Lebenserscheinungen. Ein medizinisch-psychologische Studie. Thomas, Leipzig 1887.
Nachdruck: Über Gemütsbewegungen. University Press, Bremen 2013.
Ulrich Mees: Die Struktur der Emotionen. Hogrefe, Göttingen 1991. ISBN 978-3-8017-0429-2
Ulrich Mees: Zum Forschungsstand der Emotionspsychologie – eine Skizze. In: Rainer Schützeichel (Hrsg.): Emotionen und Sozialtheorie. Campus, Frankfurt am Main 2006, S. 104–123.(Volltext (pdf))
Andrew Ortony, G.L. Clore, Collins: The Cognitive Structure of Emotions. Cambridge University Press, Cambridge 1988.
Ute Osterkamp: Gefühle, Emotionen. In: Historisch-kritisches Wörterbuch des Marxismus. Bd. 4, Argument-Verlag, Hamburg 1999, Sp. 1329–1347.
Jürgen H. Otto, Harald Euler, Heinz Mandl: Emotionspsychologie. Ein Handbuch. Beltz, Weinheim 2000.
Rainer Schützeichel (Hrsg.): Emotionen und Sozialtheorie. Disziplinäre Ansätze. Campus, Frankfurt am Main 2006.
Monika Schwarz-Friesel: Sprache und Emotion. UTB, Stuttgart 2007.
Karin Schweizer, Klaus-Martin Klein: Medien und Emotion. In: Bernad Batinic, Markus Appel (Hrsg.): Medienpsychologie. Springer, Heidelberg 2008, S. 149–175.
Robert C. Solomon: Gefühle und der Sinn des Lebens. Zweitausendeins, Frankfurt am Main 2000.
Baruch Spinoza: De origine et natura affectuum. Über den Ursprung und Wesen der Affekte. Das dritte Buch. In: Ethica, ordine geometrico demonstrata. Ethik, nach geometrischer Methode dargestellt. 1677. Nach der Übersetzung von Johann Hermann von Kirchmann neu herausgegeben. Phaidon, Essen (um 1995), ISBN 3-88851-193-3.
Ingrid Vendrell Ferran: Die Emotionen. Gefühle in der realistischen Phänomenologie. Akademie, Berlin 2008.
Richard Wollheim. Emotionen. Eine Philosophie der Gefühle. Übersetzt von Dietmar Zimmer. Beck, München 2001.

Einzelnachweise

1) Georgi Schischkoff (Hrsg.): Wörterbuch der Philosophie. 22. Aufl. Kröner, Stuttgart 1991, Lemma Emotion.
2) Nils Spitzer: Emotionale Welterschließung. Die aktuelle Rolle von Emotionen und die kognitiven Therapien. 2014.
3) Antonio Damasio: Selbst ist der Mensch: Körper, Geist und die Entstehung des menschlichen Bewusstseins. Pantheon Verlag 2013, ISBN 978-3-570-55179-0, S. 122.
4) Bas Kast: Wie der Bauch dem Kopf beim Denken hilft, Frankfurt am Main 2007.
5) Burkhard Flügel: Die Ent-Negativierung des Menschen: Die Psycho-Logik des Fühlens, Denkens und Brauchens. Herzogenaurach 2015, ISBN 978-3-00-049954-8.
6) Wilhelm Karl Arnold, Hans Jürgen Eysenck, Richard Meili: Lexikon der Psychologie. Herder, Freiburg im Breisgau/Basel 1971, Lemma Emotionalität.
7) Duden: Das Herkunftswörterbuch. Etymologie der deutschen Sprache. Mannheim 2007, Lemma Emotion.
8) Hadumod Bußmann (Hrsg.) unter Mitarbeit von Hartmut Lauffer: Lexikon der Sprachwissenschaft. 4., durchgesehene und bibliographisch ergänzte Auflage. Kröner, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-520-45204-7, Lemma Emotive.
9) Ansgar Feist: Kontinuierliche Erfassung subjektiver und physiologischer Emotionsvariablen während der Medienrezeption. (Nicht mehr online verfügbar.) 1999, archiviert vom Original am 13. Januar 2009; abgerufen am 28. Dezember 2008. i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.
10) Robert C. Solomon: Gefühle und der Sinn des Lebens, Frankfurt am Main 2000, S. 109.
11) Antonio Damasio: Selbst ist der Mensch: Körper, Geist und die Entstehung des menschlichen Bewusstseins. Pantheon Verlag 2013, ISBN 978-3-570-55179-0, S. 122.
12) Bas Kast: Wie der Bauch dem Kopf beim Denken hilft, Frankfurt am Main 2007.
13) Paul Ekman (Hrsg.): Gesichtsausdruck und Gefühl. 20 Jahre Forschung von Paul Ekman. Paderborn 1988.
14) J.H. Otto, Harald A. Euler, Heinz Mandl: Emotionspsychologie. Ein Handbuch. Beltz, Weinheim 2000.
15) Carroll E. Izard: Die Emotionen des Menschen. Eine Einführung in die Grundlagen der Emotionspsychologie. Aus dem Englischen übersetzt von Barbara Murakami. Beltz, Weinheim/Basel 1981.
16) Rauh, Hellgard: Vorgeburtliche Entwicklung und Frühe Kindheit. In: Rolf Oerter und Leo Montada: Entwicklungspsychologie. Beltz, Weinheim 2002, S. 186f.
17) Ulrich Mees (Hrsg.): Psychologie des Ärgers. Hogrefe, Göttingen/Toronto/Zürch 1992.
18) Andrew Ortony, G.L. Clore, Collins: The Cognitive Structure of Emotions. Cambridge University Press, Cambridge 1988.
19) Ulrich Mees: Zum Forschungsstand der Emotionspsychologie − eine Skizze. In: Rainer Schützeichel (Hrsg.): Emotionen und Sozialtheorie. Campus, Frankfurt am Main 2006, S. 104–123.
20) Lauri Nummenmaa, Enrico Glerean, Riitta Hari, and Jari K. Hietanen: Bodily maps of emotions. 
PNAS (Proceedings of the National Academy of Sciences), Washington 2013; vor dem Druck veröffentlicht am 30. Dezember 2013; Originalartikel und Grafiken, abgerufen am 15. Oktober 2016.
21) Paul Ekman: Gefühle lesen. Wie Sie Emotionen erkennen und richtig interpretieren. Spektrum, München 2004.
22) David G. Myers: Psychologie. 3. Auflage. Springer, Berlin/Heidelberg 2014, ISBN 978-3-642-40781-9.
23) A. Öhman, D. Lundqvist, F. Esteves: The face in the crowd revisited: A threat advantage with schematic stimuli. In: Journal of Personality and Social Psychology. 80. Auflage. 2001, ISSN 0022-3514, S. 381–396.
24) V. Brandstätter et al.: Motivation und Emotion Allgemeine Psychologie für Bachelor. Springer, Berlin/Heidelberg 2013, ISBN 978-3-642-30149-0.
25) Siebert M., Markowitsch H., Bartel P.: Amygdala, affect and cognition: evidence from 10 patients with Urbach-Wiethe disease. In: Brain. 2003, ISSN 0006-8950, S. 2627–2637.
26) Joanna Bourke: Fear: A Cultural History. Counterpoint 2006.
27) Martin Hartmann: Möglichkeiten und Grenzen der neurophysiologischen Gefühlsforschung aus philosophischer Sicht. In: K. Herding, A. Krause-Wahl (Hrsg.): Wie sich Gefühle Ausdruck verschaffen: Emotionen in Nahsicht. 2. Auflage, Taunusstein 2008, S. 53–64.
28) Rüdiger Schnell: Haben Gefühle eine Geschichte?: Aporien einer History of emotions. Göttingen 2015, S. 146 ff.
29) www.pressreader.com, 24. November 2018.
30) Siehe z. B. Ute Scheub: Vom Sinn des Opfers (PDF), gesendet vom Deutschlandfunk am 6. April 2007.
31) Siehe z. B. In Boomzeiten ein kurzes Gedächtnis. Interview mit Daniel Zuberbühler, in: handelzeitung.ch, 28. Oktober 2008.
32) Lukas Golder: Wie Emotionen in der Politik Sinn stiften und die Partizipation fördern. In: www.defacto.expert, 25. November 2016.
33) Ängste der Menschen ernst nehmen. In: www.cducsu.de, 6. Dezember 2015.
34) Bundespräsidium: Leuthard: Erstarken des Nationalismus ist schlecht für die Schweiz. In: www.blick.ch, 7. Oktober 2018.
35) FPÖ-Angerer: Sorgen der Menschen ernst nehmen und ländlichen Raum unterstützen! In: www.ots.at, 25. Juli 2017.
36) Falko Schmieder: Kommunikation. In: Lars Koch: Angst: Ein interdisziplinäres Handbuch. Springer, 2013, S. 202.
37) Niklas Luhmann: Ökologische Kommunikation. 1986, S. 240 ff.
38) 4. Parteitag der CDU Deutschlands. Protokoll. 12.-14. September 1993 Berlin auf www.kas.de.
39) Peter Schneider: Taugt das «Gefühl» zum Argument? In: www.tagesanzeiger.ch, 6. April 2011.
40) The Wunderkind und die Kunstfigur. In: www.diepresse.com, 16. November 2018.
41) Tom Strohschneider: Krise als Herd, in www.freitag.de, 47/2018.
42) Heimatbegriff in der Kulturgeschichte: Das große Missverständnis. Ein Gespräch mit Susanne Scharnowski (FU Berlin). In: www.deutschlandfunk.de, 6. Oktober 2019.

(Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Emotion. Abgerufen am 01.12.2019)

Emotionsfokussierte Therapie

Die Emotionsfokussierte Therapie (EFT), auch prozess-erlebensorientierte Therapie, ist ein Psychotherapieverfahren für die Arbeit mit Individuen, Paaren und Familien, entwickelt u. a. von Leslie Greenberg und Sue Johnson. Auf der Basis neurowissenschaftlicher Erkenntnisse sowie der Psychotherapieprozess- und -ergebnisforschung integriert sie Elemente der Gestalttherapie, Klientenzentrierten Psychotherapie, Systemischen Therapie und Bindungstheorie. Über die direkte Arbeit mit emotionalen Prozessen hat die Emotionsfokussierte Therapie zum Ziel, dysfunktionales emotionales Erleben zu transformieren, adaptive Emotionen zu nutzen und die emotionale Intelligenz der Patienten zu verbessern. Sie ist aus einem seit mittlerweile 40 Jahren bestehenden Forschungsprogramm zur Rolle von Emotionen im psychotherapeutischen Veränderungsprozess erwachsen.


Zielsetzung und therapeutische Kernprinzipien

Die Emotionsfokussierte Therapie (EFT) soll Menschen helfen, ihre Emotionen wahrzunehmen, zu erlauben, zu akzeptieren, zu explorieren, ihnen bewusst eine Bedeutung zu verleihen, sie flexibel zur Lösung aktueller Probleme zu nutzen und zu transformieren, wenn sie nicht hilfreich sind. Im Kern soll dysfunktionales emotionales Erleben verändert und adaptives Erleben nutzbar gemacht werden. Emotionen werden als Motor für Veränderungen auch auf der Ebene der Kognitionen und des Verhaltens gesehen.

Das zentrale Prinzip ist die Veränderung von Emotionen durch Emotionen. Maladaptive primäre Emotionen wie Angst, Scham oder Traurigkeit über Einsamkeit und Verlassensein können durch die Aktivierung anderer adaptiver Emotionen (z. B. Mitgefühl, Traurigkeit oder ermächtigende Wut) transformiert werden. Der Therapeut suggeriert den Klienten dabei nicht ein anderes emotionales Erleben oder eine andere grundlegende Überzeugung, sondern eröffnet ihm vielmehr die Möglichkeit zur eigenständigen Reorganisation seines Erlebens.[1]

Kernprinzipien der therapeutischen Arbeit sind die Förderung einer erlebensorientierten Verarbeitung beim Klienten durch Akzeptanz und Zuwendung zu inneren Prozessen und Bedürfnissen sowie der aktive Ausdruck von emotionalem Erleben. Die Prozesssteuerung durch den Therapeuten ist explorativ und orientiert sich an bestimmten Markern für spezifische Probleme der emotionalen Verarbeitung, die der Therapeut identifiziert: das können problematische emotionale Reaktionen, unklare Felt Senses,[2] Selbstunterbrechungen eigenen emotionalen Erlebens, konflikthafte Spaltungen (z. B. selbstkritische oder Angst erzeugende Prozesse) oder ein Unfinished Business im Sinne von wiederkehrendem, belastendem Erleben gegenüber wichtigen Bezugspersonen sein.

Neben Focusing-Elementen zur Symbolisierung von körperlich spürbaren Felt Senses[2] wird als therapeutische Intervention je nach Marker die Arbeit mit Stühlen genutzt. Selbstunterbrechende Prozesse werden etwa explizit gemacht, indem der Klient aufgefordert wird, sich vom anderen Stuhl aus aktiv selbst zu unterbrechen und nach erneutem Stuhlwechsel seine innere Reaktion darauf zu erleben. Bei konflikthaften Spaltungen (splits) werden in der Stuhl-Arbeit ebenfalls das erlebende Selbst und der z. B. selbstabwertende innere Kritiker räumlich voneinander getrennt, explizit gemacht und in eine Möglichkeit des Austausches versetzt. Ein Unfinished Business basierend auf biographischen Bedürfnisfrustrationen kann durch die Arbeit mit einem leeren Stuhl, in welchem der Klient die wichtige Bezugsperson in ihren frustrierenden Aspekten imaginiert, reinszeniert und bearbeitet werden. Die interne Repräsentation des Gegenübers wird expliziert, resultierende Gefühle und frustrierte Bedürfnisse im erlebenden Selbst zugänglich gemacht und ein Austausch und Dialog initiiert.

Spezifische Indikationen

In der EFT gibt es zahlreiche Ansätze für spezielle Indikationen, insbesondere hinsichtlich der Arbeit mit depressiven[3] und traumatisierten Klienten,[4] bei generalisierter Angst sowie für Emotionsfokussierte Paartherapie.[5][6]

EFT in Deutschland

Für die Verbreitung der Emotionsfokussierten Paartherapie setzt sich die EFT Community Deutschland e. V. mit Sitz in Berlin ein. 2018 wurde zur Förderung der Vernetzung und Verbreitung des emotionsfokussierten Ansatzes im Einzel- und Paarsetting die Deutsche Gesellschaft für Emotionsfokussierte Therapie e. V. (DeGEFT) gegründet, ein gemeinnütziger Verein mit Sitz in München.

Literatur

Lars Auszra, Imke Herrmann, Leslie S. Greenberg: Emotionsfokussierte Therapie: Ein Praxismanual. Hogrefe, Göttingen 2017, ISBN 978-3801724252.
L.S. Greenberg: Emotionsfokussierte Therapie. Ernst-Reinhardt-Verlag, München, 2011, ISBN 978-3-497-02246-5.
R. Elliott, J.C. Watson, R.N. Goldman & L.S. Greenberg: Praxishandbuch der Emotionsfokussierten Therapie CIP-Medien, München, (2004/2007)
J. Bischkopf: Emotionsfokussierte Therapie: Grundlagen, Praxis, Wirksamkeit Hogrefe, 2013, ISBN 978-3-8017-2209-8.
L.S. Greenberg und L.N. Rice u. R. Elliott: Emotionale Veränderung fördern. Grundlagen einer prozeß- und erlebensorientierten Therapie. Junfermann, Paderborn 2003, ISBN 3-87387-503-9.
S.M. Johnson: Praxis der Emotionsfokussierten Paartherapie: Verbindungen herstellen. Junfermann, 2010, ISBN 978-3873877146.
S.M. Johnson: Liebe macht Sinn: Revolutionäre Erkenntnisse über das, was Paare zusammenhält. Verlagsgruppe Random House, 2014, ISBN 978-3-442-75443-4.
T. Hofer, L. Auszra & I. Herrmann: "Emotionsfokussierte Therapie: eine neue Therapie der Depression" Psychiatrie und Neurologie, 2013.
Emotionszentrierte Therapie: Ein Überblick. In: Psychotherapeutenjournal. 4, 2005, S. 324ff, 337ff. Überblicksartikel
Von der Kognition zur Emotion in der Psychotherapie. In: S. K. D. Sulz, G. Lenz (Hrsg.): Von der Kognition zur Emotion. Psychotherapie mit Gefühlen. CIP-Medien, München 2006, ISBN 3-87159-058-4, S. 77–110. – Überblicksartikel
P. Greenman & S.M. Johnson: Process Research on EFT for Couples: Linking Theory to Practice. Family Process, Special Issue on Couple Therapy, 2013.
L.S. Greenberg und S.C. Paivio: Working with the emotions in psychotherapy. Guilford Press, New York 1997, ISBN 1-572-30243-7.
L.S. Greenberg und S.M. Johnson: Emotionally focused therapy for couples. The Guilford Press, New York 1988, ISBN 0-89862-730-3.
K. Stavrianopoulos, G. Faller & J. Furrow Emotionally focused family therapy: facilitating change within a family system. Journal of Couple & Relationship Therapy: Innovations in Clinical and Educational Interventions, 2014.
Julia Böcker: Emotionsfokussierte Therapie, Junfermann, 2018


Einzelnachweise

1) S. Kiszkenow-Bäker: Klärungsorientierte Psychotherapie und Emotionsfokussierte Therapie im Vergleich. In: R. Sachse & M. Sachse. Klärungsorientierte Psychotherapie in der Praxis II. Lengerich: Pabst.
2) E. T. Gendlin: Focusing. New York: Bantam Books, 1981
3) L. S. Greenberg & J. C. Watson: Emotion-Focused Therapy for Depression. Washington: American Psychological Association, 2005
4) S. C. Paivio & A. Pascual-Leone: Emotion-Focused Therapy for Complex Trauma: An integrative approach. Washington: American Psychological Association, 2010
5) L. S. Greenberg & R. N. Goldman: Emotion Focused Couples Therapy. The Dynamics of Emotion, Love and Power. Washington: American Psychological Association, 2008
6) S. M. Johnson: The Practice of Emotionally Focused Couple Therapy: Creating Connection. New York, NY: Brunner Routledge, 2004

(Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Emotionsfokussierte_Therapie. Abgerufen am 01.12.2019)

Emotionsfokussierte Paartherapie

Die Emotionsfokussierte Paartherapie (EFT) ist eine strukturierte Kurzzeit-Behandlungsmethode für Paare, die systemische, bindungsorientierte und humanistische Ansätze integriert[1][2]. Sie wurde in den frühen 1980er Jahren von Dr. Sue Johnson und Leslie Greenberg entwickelt und seitdem kontinuierlich weiterentwickelt. In den USA und einigen europäischen Ländern (z. B. den Niederlanden) gehört EFT zu den am meisten angewandten Formen der Paartherapie. In Deutschland ist sie noch wenig verbreitet.

EFT wird für eine große Bandbreite an partnerschaftlichen Problemen in verschiedenen Kontexten genutzt, beispielsweise für Paare mit Depression[3], Posttraumatischer Belastungsstörung[4] oder chronischen Erkrankungen[5].


Vorgehen in der Emotionsfokussierten Paartherapie

Das Vorgehen in der Emotionsfokussierten Paartherapie gliedert sich in drei Phasen und neun Schritte. Diese gehen häufig fließend ineinander über und sind nicht immer scharf zu trennen.

Phase I: Deeskalation von negativen Interaktions-Zyklen

In dieser Phase schafft der Paartherapeut eine sichere Umgebung für das Paar, in der es sich vertrauensvoll öffnen kann und in der positive Affekte gestärkt werden. Im Vordergrund steht die Deeskalation negativer Verhaltensweisen. Der „Beziehungs-Tanz“ wird verändert.

Schritt 1) Konflikte identifizieren, in denen sich der zentrale Bindungskonflikt abzeichnet

Schritt 2) Identifizieren des negativen Interaktionszyklus, in dem der Konflikt zum Ausdruck kommt

Schritt 3) Identifizieren der Emotionen, die hinter dem Konflikt stehen (primäre und sekundäre Emotionen)

Schritt 4) Das Problem im Rahmen des erkannten Zyklus mit seinen Emotionen und Bedürfnissen neu beschreiben. Der Zyklus wird als Feind und als Ursache für die Entfremdung der Partner angesehen

Phase II: Stärkung der emotionalen Verbindung und Veränderung der Interaktionspositionen

In dieser Stufe soll das emotionale Band des Paares gestärkt werden, indem sich die Partner einander in einer neuen Weise öffnen und indem sie sich an die eigentlichen Beziehungsabsichten erinnern.

Schritt 5) Zugang zu verschwiegenen Bedürfnissen, Emotionen und Selbstansichten schaffen

Schritt 6) Förderung der gegenseitigen Akzeptanz des Erlebensausdrucks und neuer Reaktionen

Schritt 7) Fördern des Ausdrucks von Bedürfnissen und Wünschen und Schaffen von emotionalem Engagement und bindungsfördernden Ereignissen

Phase III: Konsolidierung und Integration

In dieser Stufe werden neue Verhaltensweisen und Zugänge zu Problemen geschaffen.

Schritt 8) Formulierung neuer Lösungen für alte Probleme

Schritt 9) Konsolidierung neuer Beziehungspositionen und Verhaltensweisen


Literatur

Sue Johnson: Praxis der Emotionsfokussierten Paartherapie: Verbindungen herstellen. Junfermann, 2010, ISBN 978-3873877146.
Sue Johnson: Love Sense: The Revolutionary New Science of Romantic Relationships. Little, Brown and Company, 2013, ISBN 978-0316133760.
Wood, N. D., Crane, D. R., Schaalje, G. B., & Law, D. D. (2005) What works for whom: A meta-analytic review of marital and couples therapy in reference to marital distress. The American Journal of Family Therapy, 33, 273–287.
Johnson, S.M., Moser, M.B., Beckes, L., Smith, A., Dalgleish, T., et al. (2013) Soothing the Threatened Brain: Leveraging Contact Comfort with Emotionally Focused Therapy. PLoS ONE 8(11): e79314. doi:10.1371/journal.pone.0079314.
Johnson, S., Hunsley, J., Greenberg, L. & Schindler, D. (1999) Emotionally Focused Couples Therapy: Status & challenges (A meta-analysis). Journal of Clinical Psychology: Science and Practice, 6, 67–79. NOTE: Also listed under Outcome
Johnson, S. and Greenman, P. (2013), Commentary: Of Course It Is All About Attachment!. Journal of Marital and Family Therapy. doi:10.1111/jmft.12035
Greenman, P., & Johnson, S. (2013). Process Research on EFT for Couples: Linking Theory to Practice. Family Process, Special Issue on Couple Therapy, 52(1), 46–61.
Zuccarini, D.J., Johnson, S.M., Dalgleish, T. & Makinen, J. (2013) Forgiveness and reconciliation in Emotionally Focused Therapy for Couples: The Client Change Process and Therapist Interventions. Journal of Marriage and Family Therapy, 39(2), 148–162.


Einzelnachweise

1) Johnson, S.M. (2004) Emotionally focused couples therapy: Empiricism and art. In T. Sexton, G. Weeks, & M. Robbins (Eds.), American Journal of Family Therapy, pp. 345-353. New York: Brunner/Routledge.
2) Johnson, S. and Greenman, P. (2013), Commentary: Of Course It Is All About Attachment!. Journal of Marital and Family Therapy. doi:10.1111/jmft.12035.
3) Dessaulles, A., Johnson, S. M. & Denton, W. (2003) Emotion Focused Therapy for Couples in the Treatment of Depression: A Pilot Study. American Journal of Family Therapy, 31, 345-353.
4) Dalton, J., Greeman, P., Classen, C., & Johnson, S. M. (2013) Nurturing Connections in the Aftermath of Childhood Trauma: A randomized controlled trial of Emotionally Focused Couple Therapy (EFT) for Female Survivors of Childhood Abuse. Couple and Family Psychology: Research and Practice, Vol.2(3) 209-221.
5) L. M. McLean, T. Walton, G. Rodin, M. J. Esplen, J. M. Jones: A couple-based intervention for patients and caregivers facing end-stage cancer: outcomes of a randomized controlled trial. In: Psycho-oncology. Band 22, Nummer 1, Januar 2013, S. 28–38, doi:10.1002/pon.2046, PMID 21919119.

(Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Emotionsfokussierte_Paartherapie. Abgerufen am 01.12.2019)

Focusing

Focusing (von lateinisch focus ‚Mittelpunkt, Brennpunkt‘) wurde von dem amerikanischen Psychotherapeuten und Philosophen Eugene T. Gendlin entwickelt. Die Bezeichnung „Focusing“ steht für den von Gendlin erforschten Prozess der Persönlichkeitsentwicklung, aber auch für die von ihm beschriebene Selbsthilfetechnik zur Lösung persönlicher Probleme.[1] Auf der Grundlage dieser Methode wurde die focusing-orientierte Psychotherapie entwickelt.[2]

Allgemeines

Bei dem als "Focusing" bezeichneten Prozess handelt es sich - allgemeiner verstanden - um den Prozess kreativen Denkens und Handelns. Dieser zeichnet sich aus durch ein Hin- und Hergehen zwischen dem gegenwärtigen Erleben einer konkreten Situation und dessen Versprachlichung oder Symbolisierung durch Handlungen, Gesten, Bilder etc. Gendlin gibt hierfür das Beispiel einer Dichterin, die nach Worten sucht, um ihr Gedicht fortzusetzen: zunächst weiß sie noch nicht, welche Worte wirklich passen, sie hält inne und verwirft alle unpassenden Formulierungen, so lange bis sie auf einmal ein Aha-Erlebnis hat und merkt: "jetzt habe ich die stimmigen Worte gefunden".[3] Entsprechend ist es eine zentrale Aufgabe jedes Menschen, in seinem Leben die jeweils für eine Situation passenden Worte, Gesten und Handlungen zu finden.

Vorgeschichte

Der Focusing-Prozess wurde im Rahmen von Forschungen zur Klientenzentrierten Psychotherapie (Carl Rogers) in den 1960er Jahren von Eugene T. Gendlin, Professor für Philosophie und Psychologie an der Universität Chicago, beschrieben. Bei der Untersuchung von Therapiegesprächen stellte er fest, dass die Fortschritte in der Persönlichkeitsentwicklung der Klientinnen und Klienten nicht von einer bestimmten Therapierichtung abhingen, sondern von einer Fähigkeit, die sie selbst mitbrachten.[4] Zu dieser Erkenntnis kam Gendlin durch die Auswertung von Therapiesitzungen, in denen mit den unterschiedlichen Methoden gearbeitet wurde.[5] Dabei fiel auf, dass Personen, deren Therapie erfolgreich verlief, anders über ihre Probleme sprachen: so bezogen sie sich beim Sprechen über ihr Problem zugleich auch darauf wie sie ihr Problem körperlich erlebten.[6] Diese Einbeziehung des gegenwärtigen körperlichen Erlebens konnte Gendlin als zentralen Faktor wirksamer Persönlichkeitsveränderung identifizieren.[7] Um diese Fähigkeit zur Aufmerksamkeitslenkung auch den weniger erfolgreichen Klientinnen und Klienten zu ermöglichen, entwickelte Gendlin spezielle Anleitungen, die Focusing-Schritte.[8] Dabei kam er zu dem Ergebnis, dass mit Hilfe dieser Schritte „so gut wie alle Menschen“ Focusing lernen können und dass der Focusing-Prozess auch in ganz alltäglichen Situationen als Problemlöseprozess von Bedeutung ist.[9] Im Sinne einer "Hilfe zur Selbsthilfe" veröffentlichte Gendlin daher neben seinen fachwissenschaftlichen Artikeln auch eine Focusing-Anleitung für Selbstanwender.[10]

Grundlagen

Felt Sense

Das von Gendlin beschriebene Körpererleben lässt sich nicht als Gefühl oder Körperempfindung im üblichen Sinne verstehen. Gemeint ist vielmehr ein komplexes, situationsbezogenes Körpererleben, das sowohl kognitive als auch emotionale Anteile enthält (Felt Sense = gefühlter Sinn). Gendlin bezieht sich dabei sowohl auf John Deweys Begriff, der von einem "feel of meaning" spricht, als auch auf Merleau-Pontys "sens emotionel".[11] Dieses Erleben umfasst zwar all unsere kulturspezifischen Unterscheidungen, ist aber zugleich komplexer und lässt sich auch nicht vollständig in Worte fassen:

"Der Felt Sense in unserem Beispiel ist nicht das Gefühl der Angst - obwohl die Angst ein Teil von ihm ist, wie jeder andere Aspekt des ganzen Problems auch. Er ist nicht das Herzklopfen, nicht die Erinnerungen, nicht der Wunsch nach Annäherung, nicht die Wut über unsere Unfähigkeit. ... Er kommt sozusagen "um" die Wut "herum" oder "unter" ihr "hervor" oder "zusammen mit" dem Herzklopfen oder als die körperliche Qualität, welche die Erinnerung mit sich bringt."[12]

Ein solcher Felt Sense entsteht immer wieder neu und verändert sich, wenn wir uns darauf beziehen.[13] Die Möglichkeit, sich darauf zu beziehen, betrachtet Gendlin als „Quelle der Veränderung“.[14] Veränderungen im Erleben sind konkret körperlich spürbar, als Erleichterung oder Lösen von Anspannung. Gendlin spricht auch von „felt shift“, gefühlter Veränderung.[15] Die Focusing-Schritte beschreiben diesen Veränderungsprozess als Pendeln der Aufmerksamkeit zwischen der Problemsituation einerseits und dem noch nicht kategorisierten Körpererleben andererseits. Dieser Prozess läuft in den vielen Fällen unbewusst bzw. intuitiv ab.[16] Doch gibt es Situationen im menschlichen Leben, wo der Entwicklungsprozess stockt. Für diese Situationen ist es hilfreich, den Focusing-Prozess bewusst zu initiieren.

Erlebenstiefe

Im Rahmen der Focusing-orientierten Psychotherapie wurde eine "Experiencing Skala" entwickelt, um die jeweilige Erlebensnähe oder Erlebensferne der Klientin oder des Klienten einzuschätzen und angemessen darauf reagieren zu können. Ebenso kann anhand dieser Skala eingeschätzt werden, ob sich durch ein Focusingtraining die Erlebenstiefe einer Klientin oder eines Klienten ändert.[17] Von Fukumori und Morikawa wurde eine "Focusing Manner Scale" (FMS) entwickelt, um die Realisierung von Focusinghaltungen im alltäglichen Leben zu messen.[18]

Erlernen und Einüben

Wie die Forschung von Gendlin und Kollegen gezeigt hat, kann der Focusing-Prozess als Selbsthilfetechnik, aber auch im Rahmen von Psychotherapie und Beratung, gelernt und angewendet werden.[19] Dazu können die von Gendlin formulierten Focusing-Schritte genutzt werden.[20] Die von Gendlin beschriebenen Übungsschritte sind mittlerweile ergänzt worden, u. a. von A. Weiser Cornell durch Einüben von sogenannten "Focusing-Haltungen" zur Förderung der Achtsamkeit gegenüber dem eigenen Erleben.[21] Weitere Übungswege sind von anderen Autoren beschrieben worden.[22][23] Für das Praktizieren von Focusing wird grundsätzlich empfohlen, es zu zweit, etwa in wechselnder gegenseitiger Begleitung (sogenannten Focusing-Partnerschaften) durchzuführen. Selbsthilfegruppen wie die weltweit etablierten "Changes-Gruppen" bilden hierfür einen passenden und geschützten Rahmen.[24]

Anwendung

Focusing kann als Hilfe zur Selbsthilfe in schwierigen und belastenden Lebenssituationen zum Einsatz kommen. Das Vorgehen der Focusing-orientierten Psychotherapie kann mit anderen psychotherapeutischen Verfahren kombiniert werden.[25] Darüber hinaus weist Focusing neue Wege in der Behandlung psychosomatischer Beschwerden.[26] Neben dem Einsatz in der therapeutischen Praxis bietet sich Focusing auch zur Unterstützung kreativer Prozesse oder bei der Entscheidungsfindung an. Zur Versprachlichung impliziten Wissens, basierend auf dem Focusing-Prozess, wurde die Methode Thinking at the Edge entwickelt.

Nichtanerkennung durch Krankenkassen

In Deutschland und Österreich werden die Kosten für focusing-orientierte psychotherapeutische Behandlungen von den gesetzlichen Krankenkassen nicht erstattet. Das gilt auch dann, wenn sie von Ärzten oder Psychologischen Psychotherapeuten begleitet werden.[27]

Literatur

Eugene T. Gendlin: Focusing. Selbsthilfe bei Lösungen persönlicher Probleme (Übersetzt von Katherina Schoch). 9. Auflage (4. Auflage der Taschenbuchausgabe), Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1998, ISBN 978-3-499-60521-5 (deutsche Erstausgabe, Müller, Salzburg 1981, ISBN 3-7013-0617-6).
Eugene T. Gendlin: Focusing-orientierte Psychotherapie, ein Handbuch der erlebensbezogenen Methode (Originaltitel: Focusing Oriented Psychotherapy, übersetzt von Teresa Junek). 2. Auflage, Klett-Cotta, München 1998, ISBN 978-3-608-89132-4.
Eugene T. Gendlin, Johannes Wiltschko: Focusing in der Praxis. Eine schulenübergreifende Methode für Psychotherapie und Alltag. 3. Auflage, Klett-Cotta, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-608-89062-4.

Einzelnachweise

1) Eugene T. Gendlin: Focusing. deutsche Erstausgabe, Müller, Salzburg 1981, ISBN 3-7013-0617-6
2) E.T. Gendlin: Focusing-orientierte Psychotherapie. Ein Handbuch der erlebensbezogenen Methode. Pfeiffer, München.
3) Eugene T. Gendlin: Thinking beyond Patterns: Body, Language and Situations. In: B.den Ouden and M. Moen (Hrsg.): The Presence of Feeling in Thought. Lang, New York 1992, S. 25–151.
4) Gendlin: Focusing. S. 22 ff
5) Gendlin: Focusing. S. 22
6) Eugene T. Gendlin: Focusing. S. 23 ff
7) E. T. Gendlin, J. Beebe, J.Cassens, M.H. Klein, M.Oberlander: Focusing Ability in Psychotherapy, Personality and Creativity. In: J. M. Shlien (Hrsg.): Research in Psychotherapy. Band 3. American Psychological Association, Washington DC, S. 217–239.
8) Eugene T. Gendlin: Focusing. S. 25 f.
9) Eugene T. Gendlin: Focusing. S. 26.
10) Eugene T. Gendlin. Focusing.
11) Eugene T. Gendlin. Experiencing and the Creation of Meaning. A Philosophical and Psychological Approach to the Subjective. Northwestern University Press: Evanston, Illinois, 1962, S. 46.
12) Eugene T. Gendlin. Focusing-orientierte Psychotherapie, S. 38.
13) Eugene T. Gendlin: Focusing-orientierte Psychotherapie. Ein Handbuch der erlebensbezogenen Methode. S. 33 f
14) Eugene T. Gendlin: Focusing-orientierte Psychotherapie. Ein Handbuch der erlebensbezogenen Methode. S. 33
15) Eugene T. Gendlin: Focusing. S. 61
16) Eugene T. Gendlin: Focusing. S. 29.
17) M. K. Klein, Ph. L. Mathieu, E. T. Gendlin and D. J. Kiesler (1969) The Experiencing Scale. A Research and Training Manual. Wisconsin Psychiatric Institute
18) H. Fukumori, Y. Morikawa. The relationship between focusing and mental health in adolescents. Journal of Japanese Clinical Psychology, 2003, 20, 580–587.
19) Marion N. Hendricks: Focusing-oriented, Experiential Psychotherapy. In: David Cain and Julse Seeman (Hrsg.): Humanistic Psychotherapy: Handbook of Research and Practice. American Psychological Association, 2001.
20) Eugene T. Gendlin: Focusing
21) Ann Weiser Cornell: Der Stimme des Körpers folgen. Rowohlt, Reinbek 1999, ISBN 3-499-60353-5
22) Agnes Wild-Missong: Neuer Weg zum Unbewußten. Müller, Salzburg 1983, ISBN 3-7013-0662-1
23) Klaus Renn: Dein Körper sagt dir, wer du werden kannst. Herder, Freiburg 2006, ISBN 3-451-05616-X
24) The Focusing Institute. Abgerufen am 13. Mai 2019.
25) Eugene T. Gendlin, Focusing-orientierte Psychotherapie, Kapitel 17, 18.
26) Beate Ringwelski: Focusing. Ein integrativer Weg der Psychosomatik, Pfeiffer bei Klett-Cotta, Stuttgart 2003, ISBN 3-608-89714-3
27) Daniel Bärlocher: Schmerzen lindern mit Focusing. Ehrenwirth, Bergisch Gladbach 2002, ISBN 3-431-04021-7

(Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Focusing. Abgerufen am 01.12.2019)